Lieber Götz,
seit unserer Begegnung 1987 in Köln kannten wir uns und waren lange Zeit "beste Freunde" - bis hin zu unserer Übereinkunft einer notariell beglaubigten umfassenen Vollmacht für den Fall, dass ich nicht mehr selbst über mein Leben entscheiden kann. Nun bist du völlig unerwartet vor mir in diese Situation gekommen, hast aber offenbar ein gutes und klug vorausgedachtes Patiententestament geschrieben, das dir jetzt viel Leid erspart hat. Chapeau!
Du hast sehr Höhen und Tiefen in meinem Leben erlebt und mitgelitten... und umgekehrt! Das auch nur auszugsweise aufzuzählen würde hier Seiten füllen...
Du hast gefühlt alle 5 Jahre dein Leben komplett auf den Kopf gestellt - Wohnortwechsel, Partnerschaften, Berufswechsel, Heirat, Wohnungskäufe und -verkäufe und vieles mehr... von vielem habe ich erst nachträglich und oft sehr verwundert erfahren. Aber das hat mir gezeigt, welchen "Eigensinn" im besten Sinne du hattest, dein Leben möglichst wenig von außen bestimmen lassen zu wollen.
In den letzten Jahren haben wir uns etwas aus den Augen verloren. Nachdem Du auf die Azoren gezogen warst und dich, wie du mehrfach betont hattest, weder in Deutschland (erst recht nicht in Köln) noch mit vielen Menschen wohl fühltest, hast du dein Herz an die Natur, die Katzen (bzw. vor allem einen Kater) gehängt und bist - für mein Gefühl - zunehmend aus der Welt ,die mir vertraut ist, weggetaucht. Immerhin gab es Sprachnachrichten, SMS und hier und da auch ein Telefonat.
Das habe ich natürlich akzeptiert, aber schade war es doch - deine Besuche in Köln bei mir wurden sehr selten und wir sahen uns dann nur wenige Stunden ... und deine Abwehr dieser für mich realen und von mir durchaus gemochten Welt wurde immer deutlicher und strikter.
Auf der anderen Seite (du liebtest Widersprüche) hast du die Wohnungen in der Großstadt Leipzig gekauft und schön eingerichtet, und du wolltest dort mit Bernd wohnen. Mir dieses Gegensätzliche zu erklären war dir nun leider nicht mehr möglich.
Das große Glück war zum Schluss, dass ich von Götz´ bester Freundin noch rechtzeitig nach seiner Ankunft im Hospiz in Göttingen den Anstoß zu einem schnellen Besuch dort bekam. Und so konnte ich mich noch persönlich und in Ruhe von dir verabschieden... deine Blicke und deine Berührungen waren mir sehr sehr wertvoll. Und auch wenn Du nicht mehr sprechen konntest, haben wir uns so verständigen und auf ganz besondere Art verabschieden können. Dafür bin ich so sehr dankbar!
Meine Gedanken sind oft bei dir!
Wolfgang